Konform Tagebuch

Lohnt sich ein KI-Zertifikat für Mitarbeiter in der Verwaltung wirklich?

Ich schiebe den ausgedruckten Text der KI-Verordnung ein Stück beiseite auf dem Fensterbrett, dahin, wo schon die anderen Seiten liegen, gelb und orange von Textmarker-Strichen zerfurcht, und drehe mich zurück zum zweiten Bildschirm, auf dem gerade wieder ein neues LinkedIn-Badge aufploppt: „AI Specialist", diesmal in Türkis. Als HR-Managerin in einem Zulieferbetrieb mit 78 Kolleginnen und Kollegen frage ich mich in solchen Momenten immer dasselbe: Bringt so ein KI-Zertifikat für die Mitarbeiterschulung im Rahmen des AI Act wirklich etwas — oder ist es am Ende nur ein hübsches Bildchen fürs Profil? Zwei Antworten kursieren gerade in unserem Fall, und sie könnten unterschiedlicher kaum sein: die schnelle Badge und ein pragmatisches Format wie der KI-Führerschein.

Kurz vorweg, weil es in jeden meiner Beiträge gehört: Wenn ich hier auf eine Schulung verlinke, kann eine Provision bei mir landen, sollte jemand darüber buchen — der Preis ändert sich dadurch für dich nicht. Ich schreibe nur über Formate, die entweder ich selbst oder jemand aus meinem Kollegenkreis tatsächlich durchlaufen hat. Und: Ich bin HR-Managerin, keine Juristin — was hier steht, ist gelebte Praxis aus unserem Betrieb, keine Rechtsberatung.

Zwei Wege zu einem KI-Kompetenznachweis. Warum sie nicht gleich viel wert sind

Artikel 4 der KI-Verordnung verlangt, dass Anbieter und Betreiber von KI-Systemen für ausreichende KI-Kompetenz in ihrer Belegschaft sorgen — bei uns als Betreiber heißt das konkret: Wer im Arbeitsalltag ein KI-Tool anfasst, muss verstehen, was er da tut. Was das Gesetz offenlässt, ist die Frage, wie ein Nachweis dafür aussehen soll. Genau in diese Lücke stoßen gerade zwei sehr unterschiedliche Angebote, und beide nennen sich KI-Kompetenznachweis, obwohl sie kaum etwas gemeinsam haben.

Auf der einen Seite steht die Badge, in wenigen Minuten erworben und sofort im Profil sichtbar. Auf der anderen ein Format, das erst dann einen Haken setzt, wenn echtes Risikoverständnis geprüft wurde. Den Unterschied merkt man selten beim Kauf, sondern in dem Moment, in dem jemand vor der Geschäftsführung oder einer Behörde eine Antwort geben muss.

Neongelber Textmarker auf einem Ausdruck der EU-KI-Verordnung – Vorbereitung auf die AI-Act-Mitarbeiterschulung

Der schnelle Weg: Badges sammeln, Kästchen abhaken

In den Wochen, in denen ich mich in die Materie einarbeitete, habe ich in ein paar LinkedIn-Gruppen für kleinere Betriebe nach fertigen Richtlinienvorlagen gesucht, die sich auf unseren Fall übertragen ließen. Gefunden habe ich vor allem Werbeposts großer Beratungsfirmen, die ihre eigenen Programme anpriesen — keine einzige Vorlage, die zu einem Betrieb unserer Größe wirklich passte.

Die Badge-Zertifikate im selben Feed folgen einem ähnlichen Muster: viel Verpackung, wenig Substanz. Eine davon habe ich meiner Freundin Julia geschickt, die als IT-Rechtsanwältin oft meine erste Anlaufstelle ist, wenn ich bei einem Begriff hängenbleibe. Ihre Antwort kam prompt: Für Behördensprache in Marketingtexten habe sie grundsätzlich keine Geduld, und dieser Kurs erzähle den Verordnungstext bloß mit anderen Worten nach, ohne ihn einmal auf einen echten Arbeitsalltag anzuwenden.

HR-Managerin vor einem Whiteboard mit KI-Diagrammen – Suche nach einem echten KI-Kompetenznachweis statt Badge-Kurs

Der gezielte Weg: mit dem KI-Führerschein zum Risikoverständnis

Bevor ich mich für ein festes Format entschied, hatte ich selbst einen Erklärversuch gewagt. Ich hatte mir am Abend zuvor ein Video angesehen und wollte einem Kollegen aus dem Einkauf zeigen, was Neuronale Netze sind. Nach wenigen Minuten wurde mein Gesicht heiß — ich verhaspelte mich bei der Gewichtung von Knotenpunkten und musste zugeben, dass ich die Folie, die ich gerade präsentierte, selbst nicht wirklich verstand.

Das war der Punkt, an dem mir klar wurde, dass ein weiterer Erklärversuch im Alleingang nichts bringt. In dieser Phase wurde mir auch klarer, warum eine KI-Schulung für Mitarbeiter laut AI Act jetzt Pflicht ist, nicht als Bürokratie-Auflage, sondern weil genau dieses Urteilsvermögen im Ernstfall zählt. Gesucht war ein Format mit klarer Struktur.

Der KI-Führerschein war der Testfall dafür. Ich schickte eine kleine Gruppe aus Buchhaltung und Vertrieb hinein, bewusst kein akademisches Programm, sondern Grundlagen für den Büroalltag: Datenschutz, Bias, Halluzinationen, die rechtlichen Leitplanken des AI Act. Wichtiger als das Vokabular war am Ende, dass die Kollegen selbst einschätzen konnten, wann ein Ergebnis hinterfragt werden muss, statt jeder Ausgabe blind zu vertrauen.

Ich glaube inzwischen, dass sich KI-Kompetenz im Mittelstand ohne IT-Experten fördern lässt, wenn ein Format genau dieses Urteilsvermögen trainiert, statt nur Begriffe abzufragen.

Digitales KI-Zertifikat auf einem Tablet – Abschluss des KI-Führerschein-Kurses für Mitarbeiter in der Verwaltung

Was passiert, wenn das Wissen wirklich sitzt?

In einer Besprechung zur CRM-Einführung schlug ein Kollege aus dem Vertrieb vor, komplette Kundenhistorien durch ein KI-Tool laufen zu lassen, um Prognosen zu erstellen. Früher hätte die Runde genickt und von Zeitersparnis gesprochen. Diesmal hob eine Kollegin die Hand, die den Kurs durchlaufen hatte, und fragte gezielt nach dem Halluzinationsrisiko der Ergebnisse, und ob wir damit nicht in den Bereich eines Hochrisiko-Systems rutschen, sobald daraus Bewertungen über Kunden abgeleitet werden.

Sie hatte ein KI-System nach Risikoklassen richtig eingeordnet, ohne dass ich ein Wort dazu sagen musste.

Kollegen in einer Besprechung, die den Einsatz von KI und Risikoklassen nach dem AI Act diskutieren

Der Moment, der mir aber am meisten hängen geblieben ist, kam, als ich genau diese Situation der Geschäftsführung schilderte: Bei der Erwähnung von Risikoklassen nickte sie einfach, kein Nachfragen, keine zweite Erklärung nötig. Für denselben Satz hätte es früher garantiert eine zweite und dritte Erklärung gebraucht. Das Zertifikat an der Wand hatte damit nichts zu tun. Der Unterschied lag darin, dass jemand im Raum inzwischen wirklich verstand, wovon die Rede war.

Für wen lohnt sich welcher Weg?

Ein Leser hat vor einiger Zeit unter einem Beitrag kommentiert, dass sich das bei ihm genauso anhöre — nur habe er nicht einmal eine eigene HR-Stelle. Uwe Hoffmann führt einen Betrieb mit rund 30 Leuten in Mönchengladbach und zweifelt regelmäßig, ob die Verordnung überhaupt für einen Betrieb seiner Größe gilt.

Für ihn lohnt sich meiner Erfahrung nach eher das gezielte Format. Wenn eine einzige Person die ganze Verantwortung trägt und niemand Zeit hat, halbfertige Badges zu sortieren, zählt jede Schulungsstunde doppelt, und ein Kurs mit klarer Struktur wie der KI-Führerschein baut in kurzer Zeit belastbares Urteilsvermögen auf, statt nur ein weiteres Bildchen fürs Profil zu liefern.

Bei uns mit unseren 78 Kolleginnen und Kollegen sieht das anders aus: Wir konnten es uns leisten, zuerst mit einer kleinen Pilotgruppe zu testen, bevor wir uns auf ein Format festlegten. Selbst dort blieb kein Platz für bunte Badges, weil sie im Ernstfall vor der Geschäftsführung oder einer Behörde keine belastbare Antwort liefern. Die schnelle Badge lohnt sich höchstens als erste Orientierung, bevor die eigentliche Entscheidung ansteht. Sobald aber echte Entscheidungen anstehen, ob ein Tool im Kundenkontakt eingesetzt werden darf, ob eine Auswertung in Richtung Hochrisiko-System rutscht, braucht es das Format, das dieses Urteilsvermögen tatsächlich aufbaut, statt es nur zu behaupten.

Am Ende hängt bei mir kein Zertifikat an der Wand, das irgendetwas beweist. Was zählt, ist der Moment, in dem jemand ein Risiko erkennt, bevor es zum Problem wird. Wer sein Team schult, sollte deshalb weniger auf das Logo auf dem Zertifikat schauen und mehr darauf, ob am Ende tatsächlich jemand im Raum sitzt, der eine Antwort geben kann, wenn es darauf ankommt. Für den ersten Test lohnt sich aus meiner Sicht ein pragmatisches Format wie der KI-Führerschein mehr als jede weitere Badge im Feed.

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