Konform Tagebuch

Wie ich die KI-Kompetenz der Mitarbeiter ohne IT-Wissen strukturiert messe

Ein Staplerschein passt in eine einzige Prüfungsmappe. Die KI-Kompetenz von 78 Kolleginnen und Kollegen passt in praktisch gar nichts – jedenfalls nicht in irgendetwas, das ich in den ersten Wochen als AI-Act-Beauftragte ausprobiert habe. HR-Compliance klang in der Theorie nach einer sauberen Tabelle. In der Praxis war es ein Kampf gegen mein eigenes IT-Unwissen, während ich versuchte, KI-Literacy und die AI-Act-Umsetzung für einen Maschinenbau-Zulieferer im Mittelstand greifbar zu machen.

Kurzer Hinweis vorab, bevor es weitergeht: In diesen Einträgen verlinke ich gelegentlich Tools oder Kurse, die wir im Betrieb wirklich ausprobiert haben – wenn du darüber bestellst, bekomme ich eine kleine Provision, für dich bleibt der Preis gleich. Ich schreibe nur über Dinge, durch die ich meine Kollegen selbst geschickt habe.

KW 46: Was, wenn ich einfach das IT-Wissen abfrage?

Mein erster Plan war, für jede der 78 Personen ein eigenes Kompetenzprofil zu bauen – technisch sauber, vermeintlich wasserdicht. Tobias aus der IT half mir dabei.

Tobias redete über API-Grenzen, Modellversionen und Token-Budgets, bis ich nur noch genickt habe, ohne wirklich zu folgen. Er sieht die Welt in Code, ich sehe sie in Personalakten und Schichtplänen.

Dabei merkte ich schnell, dass ich am eigentlichen Bedarf vorbeiplante: In der Fertigung wollten die Leute wissen, ob sie ChatGPT für Sicherheitsanweisungen nutzen dürfen, nicht, was ein Sprachmodell technisch ist. Ich hatte gerade eine Prüfung entworfen, die im ganzen Betrieb nur eine Person bestehen würde – Tobias selbst.

Textmarker auf ausgedrucktem Text der KI-Verordnung – AI-Act-Umsetzung und KI-Kompetenz nachvollziehbar dokumentieren

Frau Krüger stellt die erste ehrliche Frage

In der dritten Januarwoche saß ich mit Frau Krüger zusammen, unserer Fertigungsleiterin – seit Jahren im Betrieb, mit gesunder Skepsis gegenüber allem, das „smart" im Namen trägt. Ich wollte ihr kurz erklären, wie Sprachmodelle im Kern funktionieren.

Mitten im Satz passierte es: Der Begriff „stochastische Papageien", den ich mir extra zurechtgelegt hatte, verfing nicht. Ich sah nur ihr fragendes Gesicht und merkte, dass ich die Nuance dahinter selbst nicht wirklich verstanden hatte – ich hatte sie schlicht nachgeplappert.

Diesen Moment nehme ich bis heute als Wendepunkt: Ich hörte auf, eine IT-Auditorin sein zu wollen, und erinnerte mich an mein eigentliches Handwerk – Personalentwicklung, wo wir ständig Kompetenzen messen, ob bei Führung oder Arbeitssicherheit. Ganz nebenbei mussten wir ohnehin die KI Dokumentationspflichten im Büro erfüllen, ohne dass die Fertigung stillstand.

Wo Kompetenz im Mittelstand wirklich passiert

In KW 5 fiel mir – reichlich spät – ein ganz anderes Problem auf: Nicht jeder bei uns hat einen Laptop. In der Montage oder im Lager arbeiten die Kollegen mit privaten Smartphones oder mit mobilen Handscannern, ein Kompetenztest am PC in der Kantine wäre für sie witzlos gewesen.

Die Realität in unserem Mittelstand ist, dass Nutzung häufig unter dem Radar passiert – eine Art Schatten-KI, die in keiner Liste auftaucht. Jemand lässt sich eine E-Mail vorformulieren oder übersetzt eine technische Zeichnung, und die Gefahr ist groß, dass Fehler von KI im Büro unentdeckt bleiben, weil alle denken, die Maschine habe immer recht.

Merkblätter wälzen, bis der Kaffee kalt wird

Anfang Februar, KW 6, schien offizielle Hilfe die logische nächste Idee.

Zwei Abende habe ich mich durch BMBF-Merkblätter und einen BDA-Leitfaden gearbeitet, in der Hoffnung auf eine fertige Checkliste für einen 78-Mitarbeiter-Betrieb.

Beides war zu allgemein: viele Prinzipien, keine konkrete Anleitung für unsere Schichten, unsere Handscanner, unsere Fertigungshalle. Der Kaffee in meiner grauen Thermoskanne war seit der Mittagspause kalt geworden, ich hatte ihn komplett vergessen, während ich Abschnitt für Abschnitt durchging – ich hatte erwartet, dass mir jemand von außen die Arbeit abnimmt, und das war schlicht falsch gedacht.

Parallel bastelte ich an einer Excel-Tabelle mit Kompetenzstufen für alle 78 Namen, bis selbst ich nicht mehr wusste, was Spalte AH eigentlich bedeutete. Die Rücklaufquote aus dem Lager lag bei null.

Mir wurde dabei noch etwas anderes klar: Wer KI-Kompetenz misst, misst leicht auch die falschen Dinge mit. Ein schlecht gebautes Bewertungsraster erzeugt am Ende dieselbe Schieflage wie ein Algorithmus, den niemand hinterfragt.

Mitarbeiter in der Fertigung nutzt eine KI-Schulung auf dem Smartphone – KI-Literacy praktisch im Mittelstand vermitteln

Ein Vergleich, der alles vereinfachte

Kurz vor KW 8 rief mich, mitten in einem Spaziergang an der Rheinuferpromenade, eine Freundin an.

Sie erzählte begeistert von der Bluse, die sie gerade aus einem Second-Hand-Stoff genäht hatte, und fragte, warum ich für die KI-Sache nicht einfach eine vorhandene Vorlage nehme, statt alles selbst neu zu entwerfen.

Die Frage saß. Wir verlangen von Staplerfahrern einen Führerschein, von Brandschutzhelfern ein Zertifikat – warum nicht auch für den Umgang mit KI? Kein Grund, eine Matrix komplett neu zu erfinden, wenn es validierte Kurse gibt, die auch auf dem Smartphone laufen, für die Kollegen aus der Montage in der Pause.

Ich habe mich für den KI-Führerschein entschieden, weil er genau das lieferte: eine Struktur statt einer Bastellösung, dazu passend zu Artikel 4 der KI-Verordnung, der im Kern verlangt, dass alle mit ausreichender KI-Kompetenz arbeiten. Ob sich ein Zertifikat wie dieses langfristig auch fürs nächste Audit auszahlt, ist nochmal eine andere Frage, die ich damals noch nicht beantworten konnte.

KW 10: Die Antwort kommt, ohne dass ich stocke

Ungefähr in der zehnten Woche nach dem Start der Module traf ich Frau Krüger wieder, diesmal in der Kantine, Tablett in der Hand, ohne jede Vorbereitung meinerseits.

Sie fragte kurz und direkt nach unserer KI-Richtlinie, so beiläufig wie nach dem Wetter. Ich antwortete, ohne zu stocken, ohne die Worte im Kopf erst zusammensuchen zu müssen. Das war neu.

Der Unterschied zur Szene mit den „stochastischen Papageien" Monate zuvor war mir sofort bewusst, auch wenn ich mir dieses schnelle Antworten selbst nicht zugetraut hätte: Diesmal ging es nicht um ein Fachwort, sondern darum, ob ich weiß, wo unsere Risiken liegen und ob wir Ergebnisse kritisch hinterfragen, bevor wir sie übernehmen.

Mein Fazit: Struktur schlägt Fachchinesisch

Heute weiß ich genau, wer welches Modul abgeschlossen hat, auch wenn ich am Anfang dachte, so viel Struktur sei nur etwas für Ordnungsliebende, nicht für den Ernstfall in der Fertigung. Das war falsch gedacht.

Die wichtigste Lehre aus den letzten Monaten: Als HR-Verantwortliche im Mittelstand ist es nicht meine Aufgabe, KI zu programmieren, sondern die Brücke zwischen Verordnungstext und Werkbank zu bauen. Ein KI-Führerschein in der Personalentwicklung ist für uns genau diese Brücke.

Falls du auch gerade vor diesem Berg an Vorgaben stehst: Fang klein an. Du musst nicht jedes Detail der Verordnung auswendig kennen, nur wissen, wie du die Kompetenz deines Teams sicherstellst und dokumentierst. Ein strukturierter KI-Führerschein war für uns der einfachere Weg, statt mich wie am Anfang durch endlose Merkblätter zu quälen.

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