
Ich schiebe das Absageschreiben zum dritten Mal über den Schreibtisch, als würde sich der Text beim erneuten Lesen doch noch ändern. Unser Wunschkandidat für die Konstruktionsabteilung hat abgesagt: nicht wegen des Gehalts, sondern weil er sich bei einem Wettbewerber „KI-technisch zukunftssicherer" aufgehoben fühlt. Für unser Arbeitgeber-Image trifft mich das härter als jede verlorene Ausschreibung.
Seit 2021 arbeite ich hier im Haus, seit Herbst 2024 trage ich zusätzlich den Titel AI-Act-Beauftragte — einen Titel, den vorher niemand wollte, weil niemand genau wusste, was er bedeutet. Sechs Jahre HR-Erfahrung habe ich insgesamt, aber keine juristische Ausbildung und kein IT-Zertifikat. Kurzer Hinweis vorab: In diesen Einträgen verlinke ich Angebote wie den KI-Führerschein, die ich oder Kollegen selbst ausprobiert haben. Buchst du darüber, bekomme ich eine Provision — für dich ändert sich am Preis nichts.
KW 44: Eine Absage macht aus Compliance plötzlich Arbeitgeber-Image
Mein Job als AI-Act-Beauftragte war für mich bis zu diesem Moment reine Bürokratie-Abwehr, keine HR-Strategie. Nach der Absage wird mir klar, dass das zu kurz gedacht war. Es geht genauso darum, ob wir als Arbeitgeber überhaupt noch attraktiv wirken, wenn Bewerber KI-Kompetenz als Auswahlkriterium für ihren nächsten Job nehmen.
Überfordert fühle ich mich in diesen Wochen fast täglich. 78 Kolleginnen und Kollegen schauen mich an, als hätte ich die Antworten parat, während ich abends selbst noch in der europäischen KI-Verordnung nachlese, um den Unterschied zwischen verbotenen und hochriskanten Systemen zu verstehen. Für die Bewerbervorauswahl per KI würden wir sofort in die höchste Risikoklasse rutschen — wie diese Einstufung im Detail funktioniert, ist ein eigenes Thema, das ich hier nicht aufdröseln will.

KW 3: Wozu taugen Merkblätter, die für jeden Betrieb gelten sollen?
Regen prasselt gegen die Fensterscheibe, während der Großraum um mich herum längst leer ist. Nur das Klappern der eigenen Tastatur bleibt übrig, als ich die BMBF-Merkblätter und die BDA-Leitfäden zum wiederholten Mal durchgehe. Ich hatte gedacht, genau solche offiziellen Papiere würden mir den Weg zeigen. Stattdessen liefern sie große Linien für „Unternehmen" im Allgemeinen — nichts, was ich einem Betrieb mit 78 Mitarbeitenden direkt als Handlungsanweisung hinlegen könnte.
Nebenan näht sich meine Nachbarin am Wochenende in aller Ruhe Alltagskleidung aus Second-Hand-Stoffen, während ich hier mit Textmarker und Rotstift über Papieren hänge, die für Konzerne mit eigener Rechtsabteilung geschrieben scheinen. Das war mein Irrtum: Ich hatte geglaubt, allgemeine Leitfäden lassen sich einfach auf unsere Größe herunterskalieren. Tun sie nicht.
Klar wird mir: Wir brauchen etwas, das ein Maschinenbauer versteht, ohne Informatik-Studium — und das zeigt, dass wir die gesetzliche KI-Schulungspflicht ernst nehmen. Ich fange an, mich intensiver mit dem KI-Führerschein zur digitalen Fortbildung zu beschäftigen, statt weiter Merkblätter zu sammeln.
KW 6: Der Moment, in dem die Geschäftsführung einfach nickt
In der KW 6 stelle ich die Risikoklassen der Geschäftsführung ein zweites Mal vor, dieses Mal mit einer eigenen Tabelle statt der EU-Grafik, die beim ersten Anlauf nur für ratlose Gesichter gesorgt hatte. Die Geschäftsführung nickt. Ohne Rückfrage, ohne dass ich noch einmal von vorne anfangen muss. Das war neu.
Dieses Nicken verändert etwas in mir: Verständlichkeit ist wichtiger als Vollständigkeit. Ob sich ein eigener KI-Kompetenznachweis für unsere Verwaltung am Ende überhaupt lohnt, ist nochmal eine andere Rechnung, die ich woanders aufgemacht habe — hier ging es mir nur um die Wirkung nach innen und außen. Feierabends rolle ich meine Yogamatte neben dem aufgeklappten Laptop aus, mehr Ausgleich bleibt in dieser Woche nicht drin.

KW 19: Der Dreher, die Roboterangst und die menschliche Aufsicht
Ein Dreher aus der Fertigung, kurz vor der Rente und eine Instanz in der Halle, fragt mich unverblümt in der Kaffeeküche: „Frau Lehmann, ersetzen mich die Roboter jetzt bald wegen Ihrem KI-Ding?" Ich habe keine schnelle Antwort parat, und das ärgert mich noch tagelang mehr als die Frage selbst.
Genau deshalb entscheiden wir uns für den KI-Führerschein als Pilotprojekt — nicht um alle zu Programmierern zu machen, sondern um die Blackbox zu öffnen. Wichtiger als jede Technik war für den Dreher am Ende, dass immer ein Mensch entscheidet und nicht die Software allein — menschliche Aufsicht, wie es im Gesetzestext heißt, nur eben in seinen eigenen Worten erklärt.
Pragmatismus zählt in dieser Phase mehr als Perfektion, das habe ich über Compliance ohne eigene Rechtsabteilung gelernt. Parallel fängt Tobias aus der IT an, grob zu sortieren, welche KI-Tools in den einzelnen Abteilungen schon im Alltag laufen — eine Art Schatten-KI-Inventur, bevor überhaupt eine Richtlinie steht.
KW 31: Zertifikate hängen an der Pinnwand, Bewerber fragen anders
Drei Kollegen hängen ihre ausgedruckten KI-Zertifikate neben den Plan für die Sicherheitsunterweisungen an die Pinnwand im Pausenraum. Tobias grinst mich an und meint, das sehe jetzt richtig offiziell aus. Ich muss zugeben: Damit hatte ich im November nicht gerechnet.
Bewerbern erzähle ich inzwischen nicht mehr, dass wir „vielleicht mal was mit KI machen". Ich zeige den Schulungsplan, erkläre, wie wir hochriskante Systeme im HR-Bereich erkennen, und dass der Betriebsrat von Anfang an mit am Tisch sitzt — Letzteres war mir zu Beginn selbst nicht klar, inzwischen ist es ein Standardsatz in jedem Vorstellungsgespräch.

Der eine Satz, den ich seither jeder HR-Kollegin in einem kleineren Betrieb mitgebe: Kläre zuerst deine Risikoklassen und deine internen Zuständigkeiten, bevor du über ein Zertifikat wie den KI-Führerschein nachdenkst — das Zertifikat ist die Bühne, nicht der Inhalt. Ohne die Vorarbeit wirkt es aufgesetzt, mit ihr wird es zum Beweis, dass ihr als Betrieb wisst, was ihr tut.
Falls du selbst in einem Mittelstandsbetrieb mit digitalem Nachholbedarf sitzt und nicht weißt, wo du anfangen sollst: Fang klein an, bei den Fragen, die deine Kollegen dir ohnehin schon stellen. Schau dir den KI-Führerschein ruhig einmal an — für uns war er der erste konkrete Schritt aus der Schockstarre heraus.