Konform Tagebuch

Wie wir KI für die Speiseplanerstellung in der Kantine sicher testen

An einem verregneten Mittwochmorgen stand ich mit nassen Schuhsohlen in unserer Betriebskantine, als mir unser Chefkoch stolz einen frisch ausgedruckten Fünf-Tage-Plan unter die Nase hielt: generiert von einem gängigen Sprachmodell, angeblich perfekt abgestimmt gegen Lebensmittelverschwendung. Doch während er vom gerösteten Wurzelgemüse schwärmte, lief mir der kalte Schweiß den Rücken herunter — bei keinem einzigen Gericht standen die gesetzlich vorgeschriebenen Allergene.

Bevor ich dir erzähle, wie wir dieses Küchenabenteuer geregelt haben, ein kurzer, ehrlicher Hinweis: In diesem Text findest du gelegentlich Affiliate-Links zu Schulungen, die ich oder Kollegen aus unserem Werk selbst ausprobiert haben. Wenn du darüber buchst, erhalte ich eine kleine Provision — für dich ändert sich am Preis rein gar nichts. Ich empfehle hier ausschließlich Weiterbildungen, die wir tatsächlich im Haus getestet haben.

KW 14: Wenn die Kantine plötzlich auf meinem Compliance-Tisch landet

Ich bin keine Juristin und habe auch keine IT-Zertifikate an der Wand hängen. Ich habe BWL studiert, mache seit vier Jahren die operative Personalarbeit bei unserem Maschinenbau-Zulieferer hier in Düsseldorf und wurde im Herbst zur internen KI-Beauftragten ernannt — schlicht, weil sich sonst niemand freiwillig gemeldet hat. Bei unseren 78 Mitarbeitenden gibt es keine eigene Stabsstelle für Regulierung. Wenn du rechtssichere Gutachten brauchst, solltest du unbedingt eine Fachanwältin für IT-Recht konsultieren; ich teile hier bloß meine praktischen Notizen aus dem echten Betriebsalltag.

Als unser Koch mich fragte, ob wir die Menüplanung nicht dauerhaft an einen Chatbot abgeben könnten, dachte ich im ersten Impuls: Wunderbar, wenigstens ein Projekt, das mich keine schlaflosen Nächte kostet. Ich ging davon aus, dass Kantinenpläne völlig außerhalb meines Compliance-Bereichs liegen. Menüs sind schließlich kein Recruiting und keine Schichtplanung, wo Hochrisiko-Vorgaben nach dem AI Act greifen könnten. Doch dann fragte unser Koch beiläufig, ob wir im Tool nicht gleich eine Mitarbeiterbefragung zu individuellen Unverträglichkeiten hinterlegen könnten — von Laktoseintoleranz über Zöliakie bis hin zu religiösen Speisegeboten. Da erstarrte ich innerlich.

Plötzlich waren wir mitten im Bereich hochsensibler Gesundheitsdaten nach der DSGVO, verknüpft mit handfestem Haftungsrecht bei der Lebensmittelkennzeichnung. Wie ich solche Themen grundlegend einordne, habe ich schon in meinem Eintrag über AI Act Compliance für KMU ohne Rechtsabteilung im Büroalltag umsetzen beschrieben. Doch Theorie ist das eine — der reale Küchengeruch nach kochender Gemüsebrühe das andere.

Ausgedruckter Speiseplan-Entwurf mit handgeschriebenen Anmerkungen zu Allergenen

KW 18: Unser Versuchsaufbau auf Edelstahltischen

Wir beschlossen, die KI nicht zu verteufeln, sondern einen strukturierten Testlauf zu starten. Vier Wochen lang sollte das Tool Vorschläge machen, allerdings unter strengsten Spielregeln. Kein einziger Personenbezug: In das Eingabefeld kamen ausschließlich saisonale Standardzutaten unseres regionalen Großhändlers, die üblichen Portionsmengen für unsere 78 Leute und ein paar Vorgaben zur Resteverwertung. Keine Namen, keine individuellen Wünsche, keine Gesundheitsnotizen einzelner Kollegen.

Der wichtigste Grundsatz war echtes „Human-in-the-Loop“: Wir verglichen die generierten Zutatenlisten Zeile für Zeile mit den echten, handschriftlich abgehakten Pappkarton-Lieferscheinen unseres Gemüsehändlers auf den Edelstahltischen der Küche. Während der Duft von gedünstetem Lauch durch den Raum zog, prüften wir jede einzelne Komponente. Denn laut der europäischen Lebensmittel-Informationsverordnung müssen in der Gemeinschaftsverpflegung exakt 14 Hauptallergene lückenlos ausgewiesen werden — von glutenhaltigem Getreide bis zu Sellerie und Senf.

Unter dem europäischen AI Act fällt so eine reine Menü-Assistenten-KI zwar in die Kategorie des minimalen Risikos, solange keine biometrische Erfassung oder Verhaltensüberwachung stattfindet. Aber minimales KI-Risiko bedeutet eben nicht null Betriebsrisiko. Wenn die KI eine Zutat verschweigt, hilft uns die Verordnung herzlich wenig, wenn ein Kollege mit Erdnussallergie im Speisesaal kollabiert.

Kantinenteam prüft Lieferscheine und Zutatenlisten an der Küchenanrichte

KW 22: Der Gulasch-Schock und die Grenzen von Standard-Prompts

Nach etwa vier Wochen wähnten wir uns fast in Sicherheit. Die Vorschläge klangen abwechslungsreich, die Mengenkalkulationen wirkten plausibel. Doch an einem Dienstag passierte genau das, wovor jeder Compliance-Verantwortliche insgeheim zittert: die klassische Halluzination. Wie tückisch solche Fehler sind, kenne ich bereits aus Büroanwendungen — siehe meine Erfahrungen darüber, wie wir Fehler von KI im Büro erkennen und die Ergebnisse richtig korrigieren.

Unser Koch wollte für den Donnerstag ein vegetarisches Gulasch anbieten. Da uns eine Zutat ausging, bat er das Sprachmodell um eine schnelle Alternativ-Rezeptur mit vorhandenen Vorräten. Das Modell spuckte eine scheinbar harmlose Variante aus: „Gemüseragout auf Basis von hausgemachtem Wurzelansatz“. Auf dem Ausdruck fehlte jeder Hinweis auf Allergene. Als unser Koch die improvisierte Brühe ansetzte und ich zufällig die Zutatenliste der Fertigpaste überflog, traf mich die Erkenntnis wie ein Schlag: Knollenblätter- und Staudensellerie sowie Senfmehl waren enthalten. Beide gehören zu den 14 deklarationspflichtigen Allergenen. Die KI hatte sie im Freitext schlicht unter dem Begriff „feine Gewürzmischung“ verschwinden lassen.

In diesem Moment dachte ich nur: Wenn ein Chatbot den Knollensellerie in der Gemüsebrühe vergisst, ist meine ganze saubere Risikoanalyse-Matrix im Büroordner völlig wertlos. Am folgenden Mittwochabend beim Yoga lag ich auf der Matte und spürte diesen typischen Kloß im Magen, weil mir siedend heiß einfiel, dass wir nicht einmal die Haftungsklausel unseres Software-Anbieters für Falschinformationen im Detail geprüft hatten.

An dieser Stelle wurde mir auch klar, warum Standard-KI-Tests in wirklich sensiblen Umgebungen — wie etwa Krankenhausküchen oder Speziallaboren — komplett versagen müssen. In solchen Einrichtungen genügen einfache Plausibilitätsprüfungen überhaupt nicht, weil dort hochkomplexe Kontaminationsprotokolle und strikt getrennte Reinzonen existieren. Wenn eine KI dort glutenfreie Zonen nicht mitdenkt oder Kreuzkontaminationen in der Zubereitung ignoriert, steht sofort Menschenleben auf dem Spiel. Bei uns im Werk geht es zwar „nur“ um den Kantinenbetrieb eines Maschinenbauers, aber die Lektion war dieselbe: KI versteht weder Biologie noch Küchenhygiene.

Notizbuch mit Checkliste der 14 Allergene und Verweis auf Artikel 4 des AI Act

Spätsommer: Was Artikel 4 AI Act wirklich für die Belegschaft bedeutet

Dieser Zwischenfall war der heilsame Weckruf, den wir gebraucht haben. Ich erkannte, dass wir KI-Sicherheit nicht mit bürokratischen Verboten lösen können, sondern nur mit echter Handlungskompetenz bei den Menschen, die die Tools bedienen. Genau das fordert auch der AI Act: Nach Artikel 4 der Verordnung sind Organisationen dazu verpflichtet, bei ihren Mitarbeitenden ein angemessenes Niveau an KI-Kompetenz („AI Literacy“) sicherzustellen.

Das gilt eben nicht nur für die Konstruktionsabteilung oder die IT rund um Tobias, sondern genauso für die Kollegin am Empfang und das Küchenpersonal. Wir haben uns deshalb entschieden, mehrere Teammitglieder durch ein praxisnahes Schulungsformat fit zu machen. Der KI-Führerschein war für uns der Hebel, um das Thema greifbar und ohne akademischen Ballast in die Teams zu tragen. Was die Kolleginnen und Kollegen vor allem gelernt haben: Chatbots antworten immer mit maximaler Selbstsicherheit — selbst wenn sie den größten Unsinn verzapfen. Wie sich die aktuellen Kosten für den Kurs gestalten, erfährst du direkt auf der Website des Anbieters, da sich solche Programme und Gebühren laufend anpassen.

Heute nutzen wir KI in der Kantine immer noch — aber völlig anders. Die KI liefert uns lediglich grobe Inspirationen für Menükombinationen. Jede einzelne Speisenkarte wird danach manuell in eine standardisierte Tabelle übertragen, in der die 14 Allergene als feste Kontrollkästchen hinterlegt sind. Erst wenn unser Koch und eine zweite Person die Häkchen physisch mit den Lieferscheinen abgeglichen haben, geht der Plan ins Intranet. Wir halten unser Wissen mittlerweile auch systematisch frisch; wie wir das organisieren, kannst du im Artikel darüber nachlesen, wie wir unser KI Wissen im Unternehmen nach der ersten Schulung aktuell halten.

Mein persönliches Fazit nach fünf Monaten Kantinen-Experiment: Hab keine Angst davor, KI im Alltäglichen auszuprobieren. Aber verlass dich niemals auf ihre Ergebnisse, wenn rechtliche Pflichten oder die Gesundheit von Kollegen dranhängen. Ein solides Grundwissen im Team schützt vor bösen Überraschungen weitaus besser als jedes zwanzigseitige Richtliniendokument, das ungelesen im Intranet verstaubt. Wenn du in deinem Betrieb vor ähnlichen Fragen stehst, schau dir fundierte Weiterbildungen wie den KI-Führerschein an — es spart auf lange Sicht unendlich viele Nerven.

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